Flammen schlagen aus der Schulscheune
Vor 150 Jahren brennt Rückershausen fast vollständig nieder / Ein Augenzeuge berichtete

Vom 05.01.2008
RÜCKERSHAUSEN Vor 150 Jahren lebten die Menschen im Aarbergener Ortsteil Rückershausen in einer äußerst traurigen Verfassung: Im August des Jahres 1857 war fast der gesamte Ort einem verheerenden Feuer zum Opfer gefallen.
Von
Christian Stolz
Wer nach Rückershausen kommt, dem fällt schnell die ungewöhnlich gleichmäßige Bebauung und die großzügige Auslegung der Friedrich-Ebert-Straße und der Hintergasse ins Auge. Die beiden Straßenzüge entstammen dem planmäßigen Wiederaufbau nach einem verheerenden Brand am 24. August 1857, als fast der gesamte Rückershäuser Ortskern ein Opfer der Flammen wurde.
Dorfschmied Augenzeuge
Johann Phillip Wirth aus Rückershausen war 34 Jahre alt und arbeitete als Dorfschmied in seinem Heimatort. Am eigenen Leib erlebte er die wohl größte Katastrophe in der Geschichte des Marktfleckens und schrieb seine Erinnerungen an den Brand in altdeutscher Schrift nieder. Sein Enkel Lorenz Kircher übertrug den Text 1931 ins Leserliche.
"Es war halb zwei Uhr mittags, da brach in der Schulscheuer ein Feuer aus. Ich hatte gerade ein Pferd beschlagen, als der Ruf im ganzen Ort war: Feuer, Feuer!", berichtet der Chronist. Das Schlimmste sei jedoch gewesen, dass fast keiner im Dorf zu Hause war. Abgesehen von Kindern und alten Leute waren viele Familien auf dem Bartholomäusmarkt in Katzenelnbogen. "Ich lief geschwind hinauf und gleich zu der Scheuer hinein, da gab es einen harten Knall, da brach zum ersten Mal die Flamme aus in meiner Gegenwart".
Noch keine Feuerwehr
Mitten in der Tür, wo die Flammen am höchsten waren, hätten 15 Garben Roggen gelegen, berichtet Wirth, der gleich darauf zum Gehöft der Familie Beiler lief, um eiligst dort das Vieh loszubinden. Als er wiederkam, hatten einige Männer bereits die Feuerleiter an ein Haus gestellt, das schon lichterloh brannte. Der Text beweist, dass man auch damals schon eine gewisse Ausrüstung für den Ernstfall vorhielt. Eine Feuerwehr im eigentlichen Sinne gab es aber noch nicht. "Es ist alles verloren!", habe ein Mann gerufen, der von seinem brennenden Dach gestürzt war und die Straße hinab zur Aar hin blickte, wo schon alle Häuser brannten.
Mensch und Tier flüchteten
Die Frau des Schmieds packte schnell alles Hab und Gut zusammen und belud den Wagen, den Verwandte angespannt hatten, um in Richtung Schiesheim zu flüchten. Das älteste Kind der Familie wurde unterdessen vermisst: "Wir glaubten, es sei mit verbrannt, aber nach drei Stunden in Schiesheim hörte es jemand auf dem Wagen".
In Rückershausen nahm das Unglück seinen Lauf. Das Vieh trieb man vor das Dorf und eine Frau mit einem viertägigen Kind in der Schürze habe weinend nach ihrer brennenden Scheune geblickt.
Auch die weiteren Schilderungen des Chronisten sprechen eine eindeutige Sprache: "Mitten im Dorf nahm ein Mann, der schon zwei Jahre lang im Bett liegen musste, mit allen seinen Kräften das Bett auf den Rücken und schaffte sich davon. Als er das Haus verlassen hatte, tat er noch einen Blick hinter sich, da krachten die Balken und das Haus stürzte zusammen. Dort krochen die Schweine, vorne und hinten hinkten sie und das Fett lief von ihnen".
Obwohl Hilfsmannschaften aus fünf Nachbardörfern herbei geeilt waren, verbrannten 20 Schweine und zehn Rinder, außerdem 34 Häuser, 22 Scheunen sowie 88 Stallungen und Nebengebäude, die damals noch fast ausschließlich mit Stroh gedeckt waren. Menschen fanden anscheinend nicht den Tod, dafür waren rund 50 Einwohner obdachlos und suchten Unterschlupf bei Freunden und Verwandten im weiten Umkreis zwischen Breithardt und Hahnstätten, Wallbach und Mudershausen.
Große Hilfsbereitschaft
Der Brandschaden wurde auf 139600 Gulden beziffert. Die Hilfe aus den Nachbardörfern scheint dennoch sehr groß gewesen zu sein. Nicht nur, dass die Rückershäuser Obdach fanden. Auch zahlreiche Hilfslieferungen mit Brot und Getreide trafen an den Folgetagen im Dorf ein. Bewegend sei die Predigt des Pfarrers Westerburg am Sonntag in der Kirche gewesen. Er sprach über "das wütende Element", was viele Gläubige zum Weinen brachte.
Aufbau nach Weisung
Für den Wiederaufbau gründete man ein Komitee auf der Michelbacher Hütte. Noch im Herbst wurde Bauholz angefahren und mit dem Wiederaufbau begonnen, so dass bereits im Frühjahr darauf die ausgewanderten Familien wieder ins Dorf kommen konnten. Der Markt fiel in diesem Jahr aus.
Nach Weisung des nassauischen Staates durften die Häuser nicht wieder an Ort und Stelle aufgebaut werden. Unter Aufsicht eines Stadtbaumeisters aus Frankfurt wurde für die neu zu errichtenden Gehöfte ein Einheitsbaustil vorgeschrieben. Die Häuser musste man zudem von der Straße zurücksetzen, so dass ein breiter, boulevardähnlicher Straßenzug - die heutige Friedrich- Ebert-Straße von der Brücke zum alten Ortskern - entstand. Die gleichmäßige Bauweise und der für ein Dorf dieser Größenordnung untypische Charakter der Straße sind bis heute gut erkennbar. So bietet sie alljährlich viel Platz für die Stände am Rückershäuser Markt.
Trotz allen Unglücks macht der Chronist in seinem letzten Absatz eine bemerkenswerte Feststellung: "Wenn es in Rückershausen hätte brennen sollen, so war das die richtige Zeit dafür. Denn es waren lauter junge Männer im Dorf: Neun Männer von 20 bis 30 Jahren, zehn von 30 bis 40 und sechs von 40 bis 50, außerdem vier von 50 bis 60. Nur der Seel und Jacob Euler waren älter".
Quelle: http://www.main-rheiner.de/tagblatt/region/objekt.php3?artikel_id=3112549